Die Schweiz als App

photo

Sonntagszeitung
18. Dezember 2011.

Download PDF

Mit Swissview-Luftaufnahmen will der Unternehmer Marco Fumasoli
ein weltweites Publikum erreichen.

Text: Simone Luchetta, Fotos: Miriam Pretzlaff

Marco Fumasoli ist ein Glückspilz. Vor sechs Jahren kaufte er dem Schweizer Fernsehen die Sendung «Swissview» ab, ohne zu wissen, was er damit anfangen sollte. Heute haben die Helikopteraufnahmen der Schweiz längst Kultstatus erreicht. «Jetzt wollen wir ein Publikum auf der ganzen Welt erreichen», sagt Fumasoli und zeigt auf sein iPad mit der neuen Swissview-App.
Das Programm erlaubt den Zugriff auf über 70 Stunden Landschaftsaufnahmen, vom Alpstein über die Zentralschweiz, den Jura und das Berner Oberland bis nach Zürich und Basel. Untermalt sind die teilweise atemberaubenden Bilder mit eingängigem Ambient-Sound des Schweizer Komponisten Nik Bärtsch. Bekannt wurde Swissview bei SF. Vor zwei Jahren kam Swissview als DVDSammlung in den Handel – mit 25 Stunden der wohl längste Film über die Schweiz – und seit Freitag steht die App im App-Store.
«Als ich vor zwei Jahren die ersten Apps sah, war mir sofort klar: Das ist die Zukunft von Swissview», erzählt Fumasoli in der Küche seines Ateliers im Steinfelsareal in Zürich-West. Er habe den Aufwand komplett unterschätzt, habe mit vier Monaten gerechnet. Stattdessen entwickelte er zusammen mit dem kleinen Team einer Programmierfirma schliesslich fast zwei Jahre daran. Auf 140 000 Franken kamen ihn die Apps zu stehen.

«Mit meinen Filmen will ich Ruhe rüberbringen»
Die Oberfläche der Tablet-Version zeigt die Satellitenansicht der Schweiz; darin stecken rote Stecknadeln, die für Drehorte stehen. Insgesamt sind 1600 Filme von drei Minuten Länge verfügbar; drei Viertel in hochaufgelöster Bildqualität, ein Viertel in Standardauflösung. Neu haben Geografiestudenten jeden Filminhalt kurz beschrieben.
Fumasoli tippt auf einen Nadelkopf im Alpstein. Dann fliegen wir über den Fälensee zum Plattenbödeli, zoomen näher heran und sehen den Wirt just aus der gleichnamigen Beiz treten. «Früher zoomten wir so nah, dass man jeden Gesichtszug erkennen konnte, heute machen wir das aus Datenschutzgründen nicht mehr.» Probleme habe er deswegen aber nie gehabt, fügt er an. Uns trägt grossartige, unaufdringliche Musik, die den archaischen Naturjodel der Sennen im Säntisgebiet so meisterhaft aufnimmt, dass einem ganz warm wird ums Herz. Und wir versinken für Minuten quasi in den sphärischen Tiefen dieses Tablet-Rechners. Fumasoli verzichtet bewusst auf Untertitel und Schnitte. Jeder habe seine eigene Beziehung zur Natur. Wer sich diese Bilder ansehe, solle nicht das Gefühl haben, wieder etwas zu verpassen: «Mit meinen Filmen will ich Ruhe rüberbringen.»
Seit 17 Jahren fliegt Fumasoli immer wieder über das Land, zusammen mit Pilot Sandro Brugnoli und Kameramann Ueli Haberstich. Fumasoli plant jede Route im Voraus minutiös, denn es soll so wenig wie nötig geflogen werden. Bizarre Gesteinsformationen oder typische Architektur bestimmen die Strecken: «Ich will das Land so schön und relevant wie möglich einfangen.» Das erste Mal die Welt von oben sah er Mitte der 90er, als er als ehemaliger Creative Director des SF für den Sender Schweiz 4 das Logo mit dem legendären Heissluftballon entwickelte. «Damals kam mir die Idee, das ganze Land aus der Tiefflugperspektive zu zeigen. » Der Sender ging ein, Swissview blieb. Noch heute ziehen sich viele Spätheimkehrer die fantastischen Chill-out-Streifen auf HDSuisse rein. «We call it LSD», sagte kürzlich ein Bekannter.

Fumasoli ist bodenständig und dennoch ein Mann von Welt
Überdruss an der Schweiz von oben empfand der Zürcher bisher nicht. «Landschaft verleidet doch nie», und er schwärmt sogleich vom Rhonegletscher, der immer wieder fasziniere. Die Liebe zu Natur und Brauchtum wurde ihm als Bub eingepflanzt. Aufgewachsen im St. Galler Rheintal, ging er oft mit der Mutter «z Berg»: «Ich mochte Sennen und die Alpen. Und spielte auf der Handorgel gern Ländler. Das glaubt man mir gar nicht.» Er lacht, und tatsächlich würde man bei ihm die Liebe zum Bodenständigen nicht auf den ersten Blick vermuten: Die markante Brille und die graue Mähne geben dem 60-Jährigen etwas von einem Mann von Welt. Diese zwei Seelen prägen auch seine berufliche Laufbahn: Kunsthochschule («Ich wollte Kunstmaler werden»), Filmhochschule Berlin, dann lernte er 1969 Cutter beim Fernsehen. Jurastudium und Abschluss, drei Jahre am Bezirksgericht in Zürich, schliesslich wieder Fernsehen, wo er als Regie-Azubi eine lange Karriere bis zum Creative Director begann, bevor er vor etwa acht Jahren ging und eine Werbeagentur gründete. Seit zwei Jahren konzentriert er sich aber voll auf die Swissview-App. Nein, in den Schoss gefallen sei ihm nichts; für Erfolg brauche es die Bereitschaft, jeden Tag das Leben zu ändern: «Das ist spannend, weil man wach bleiben muss.» Seit den Jugendjahren «lässt er Zen ins Leben einfliessen», achtet streng auf Ernährung, trinkt jeden Morgen Tee und macht seine Gymnastikübungen. Die eigenen Filme schaut er oft an. Am liebsten hat er die Aufnahmen von Finsteraarhorn und Schreckhorn. Per Fingertipp spielt er den Film sogleich ab:
Morgenlicht, Berge, Nebelschwaden, erhabener Sound. «Das hat für mich etwas Göttliches. Was wollen Sie da noch sagen?»

Zugriff auf 1600 Videos mit Luftaufnahmen
Die Luftaufnahmen von Swissview gibt es jetzt auf iPhone und iPad. Im App-Store lässt sich die Gratis-App Swissview herunterladen, mit der man auf 1600 Videos (à 3 Minuten) zugreifen kann. Von jedem Film gibt es gratis eine 12-Sekunden-Vorschau.
Wer mehr will, zahlt: für einen Film 2 Franken, für fünf zahlt man 9 und 10 Filme kosten 15 Franken. Per Streaming lässt sich der Film sofort anschauen. Herunterladen dauert via WLAN ein paar Minuten. Man kann ihn auf bis zu drei Geräte kopieren.
Ebenfalls neu ist die Blu-ray-Disc «Aletsch-Gebiet» für 38 Fr.