Der Überflieger mags bodenständig

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Migros Magazin – Saisonküche
19. März 2012.

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Seine Luftaufnahmen der Schweiz kennt jeder Fernsehzuschauer. Auf dem Teller von «Swissview»-Macher Marco Fumasoli dominieren aber die Elemente Erde und Wasser.
Text: Claudia Schmidt, Bild: Mirjam Graf

Einmal gehts ums Haus herum, dann können wir das kleine Stadthaus betreten. Sofort fallen Kunstwerke auf, die an der Wand hängen, in Regalen stehen oder an der Wand lehnen. Hier wohnt jemand, der sich für Kunst interessiert und selbst künstlerisch tätig ist: Marco Fumasoli (60), der kreative Kopf von «Swissview» — einer Schweizer Fernsehsendung, die ausschliesslich Flugaufnahmen aus der Schweiz zeigt. Ursprünglich wurden die Filme für das Nachtprogramm des ehemaligen Senders Schweiz 4 produziert, seit 2008 war «Swissview» täglicher Programmbestandteil auf dem Sender HD suisse.

«Saisonküche»-Koch Daniel Tinembart inspiziert die offene Küche und schmunzelt, als er Pfannen aus der Migros entdeckt. «Hier wird viel gekocht», befindet der Profi. Koch und Filmemacher kommen ins Fachsimpeln über Pfannen und mehr.

Fumasoli achtet auf seine Gesundheit, ist seit einer Kur Anhänger der Bedarfsorientierten Ernährung, einer Ernährungslehre nach dem deutschen Heilpraktiker Heinrich Tönnies. «Seitdem gehts mir sehr gut», erzählt er. Innereien, Krustentiere und Räucherfisch sind für ihn tabu. Dafür geniesst er nach Herzenslust gedünsteten Fisch, Käse, Eier und Kartoffeln. Klar, dass er beim Angebot, mit uns Fisch zuzubereiten, sofort begeistert ist. Denn schon zum Zmorge kann es bei ihm Deftiges geben: «Ich esse oft Rösti mit Ei. Ich liebe Eier», bekennt er und fügt kokettierend hinzu: «Ich bin ein ritualisierter Mensch — ein langweiliger Koch.»

Vom Tisch her hören wir ein Piepen. Das iPad meldet News. Den kleinen Tabletcomputer hat Fumasoli immer griffbereit. Seit Neustem vor allem, um jedem seine neue, eigene App, ein Programm für den kleinen Computer, vorzuführen: Swissview.

Vor einigen Jahren kaufte Fumasoli sich die Rechte an «Swissview» vom Schweizer Fernsehen, verfügte damit über viele Stunden Luftaufnahmen. Als er erste Apps fürs iPhone sah, hatte er seine ganz eigene Vision: Die Filme mussten aufs Smartphone. «Damals gabs noch kein iPad. Aber als das kam, wusste ich, dass ich die App machen muss.» Mehr als 1600 Filme à drei Minuten gibt es, viele in HD-Qualität. Fumasoli navigiert fix durch seine App. Er klickt auf Zürich. Der Film startet, und schnell zeigt uns Fumasoli das Haus, in dem wir uns befinden. Beim nächsten Film fliegt der Helikopter zu beruhigend-sphärischen Klängen beunruhigend-niedrig unter einem Viadukt hindurch. Trotzdem wirkt alles ganz ruhig. Das liegt nicht nur an der Musik, sondern auch daran, dass in den Filmen nur selten Schnitte enthalten sind.

Er hat den Mut, Neues zu wagen, und das tut er mit Leidenschaft
War das Filmen aus dem tief fliegenden Helikopter nicht gefährlich? «Einiges war schon sehr mutig», so Fumasoli. Aber Mut habe er häufig bewiesen im Leben. Er scheute nie davor zurück, seinem Leben eine neue Wendung zu geben. Früh, mit 16, ging er von zu Hause weg, lebte einige Jahre in Berlin, holte dann in den 70er-Jahren die Matura nach. Es folgten Jurastudium und Jahre am Gericht.

Doch die Kreativität lockte ihn — und Fumasoli ging zum Schweizer Fernsehen, wo er in den 90er-Jahren fünf Jahre lang Kreativdirektor war. Später, als selbständiger Werber, gelang Fumasoli der Coup: Er gewann den Wettbewerb für den Senderauftritt von Schweiz 4 —der Start für seine Luftaufnahmen.

Genug gefachsimpelt! «Saison­küche»-Koch Daniel Tinembart zwingt den Überflieger auf den (Pfannen-)Boden der Tatsachen zurück: «Jetzt gehts ab in die Küche!» Brav schneidet Fumasoli den Lauch in Ringe. Bevor es aber ans Essen geht, zeigt er uns noch weitere Swissview-Filme. «Die App, das bin ich», meint er völlig hin und weg. «Momentan dominiert sie mein Leben.»

Doch beim Genuss der gebratenen Eglifilets, kann er endlich abschalten. «Ich freue mich auch schon wieder aufs Frühjahr», schwärmt er jetzt. «Wenn ich wieder mit dem Boot über den Zürichsee fahren kann.» Er schätzt die Welt eben nicht nur von oben.