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Tagblatt – Alltag
11. July 2012.

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MARCO FUMASOLI - Seine Sendung «SWISSVIEW» hat Kultstatus. 15 Jahre lang filmte er die Schweiz im Tiefflug. Nun gibt er einen neuen Film über Zürich heraus.
Text: Clarissa Rohrbach, Bild: Miriam Pretzlaff

«Die Schweiz, so schön sie auch ist, halte ich manchmal nur von oben aus.» Marco Fumasoli fühlt eine Art Hassliebe zu seinem Land. «Ich bin fasziniert von der Landschaft, aber fühle mich oft beengt durch den Kleingeist der Menschen.» Trotz des Dranges nach Freiheit mag er es gerne präzis. «Ich bin voller Widersprüche», sagt er und giesst eine volle, frisch gekochte Kanne Tee weg. «Grüntee darf nicht länger als 2 Minuten ziehen, und das Wasser muss exakt 70 Grad heiss sein.» Er setzt eine neue Kanne auf, davon trinkt er drei pro Tag.

Fumasoli dreht seit 15 Jahren die Bilder für «SWISSVIEW», sein Lebenswerk. Die Aufnahmen aus dem Helikopter bilden eine einzige Sequenz, ein hypnotisches Erlebnis. Deswegen muss der Filmer jede Route genau im Voraus planen, mithilfe von Landkarten, Meteorologen und dem ISOS, das Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder. Während des Fluges ist er unter Hochspannung, gibt seinem Piloten und seinem Kameramann Anweisungen, denn er will kein Detail verpassen. «Ich führe eine strenge Regie.» Sein neuestes Werk ist Ende Monat im Handel, eine Blu-Ray-Disc über Zürich und die Innerschweiz. Der Nachfolger der DVD erlaubt es, die Filme in höherer Auflösung abzuspielen.

Der 60-Jährige nimmt einen Schluck Grüntee und kontrolliert seine E-Mails auf dem Macbook, daneben liegen ein iPhone und ein iPad. Vor einem halben Jahr hat er die SWISSVIEW-App herausgegeben, damit können 1600 Filme à drei Minuten heruntergeladen werden. So kann «Swissview» dank der neuen Technologien auch ohne HD Suisse weiterleben. Der Sender, der die Sendung zuletzt ausstrahlte, ist mittlerweile eingestellt.

«Meine Filme machen süchtig»

«Man muss wach bleiben, es bringt nichts, von der Zukunft zu träumen, es wird ohnehin nie so, wie man sich das vorstellt.» Fumasoli liebt Veränderungen, kein Tag ist bei ihm gleich. Trotz der Neugier, die ihn dazu antreibt, ständig am Ball zu bleiben, hat er eine enorme Ruhe in sich. «Mein Leben ist Zen-geprägt.» Seine ganz eigene Art der Spiritualität habe er durch seine Liebe zur Natur gefunden. Seine Filme strahlen diese Gelassenheit aus. Die exakte Abstimmung von Bild und Musik, die er passend mit Komponist Nik Bärtsch austüftelt, zieht praktisch jeden in ihren Bann. «Die Zuschauer sollen sich darauf einlassen. Tatsächlich schauen die meisten meine Filme länger als ein paar Minuten an, sie machen fast süchtig.» Ende der 90er-Jahre driftete spätnachts eine ganze Generation von Schlaflosen und heimkommenden Partygängern zu seinen Bildern im Fernsehen ab. Der ­Lückenfüller wurde zum Kult.

Fumasoli selbst war ein Jung-68er. Die Revolte fand gerade statt, als der geborene Zürcher in seine Heimatstadt zurückkehrte. Seine Kindheit verbrachte er im Rheintal. Seine Eltern, Unternehmer, waren fast die Einzigen im Dorf, die nicht bauerten. «Ich liebte die Berge und die Handorgel, und manchmal, wenn ich barfuss zur Schule ging, trat ich in einen Kuhfladen, die Kühe waren überall.» Auf die ländlichen Erfahrungen folgte im Internat die erste Begegnung mit der grossen weiten Welt. Mit 12 Jahren hörte er heimlich Bob Dylan und Rolling Stones auf AFN, dem amerikanischen Sender für Besatzungssoldaten. «In der Schweiz gab es noch weit und breit keinen Rock zu hören, es war eine Offenbarung, plötzlich wusste ich, es gibt mehr da draussen.» Bereits der junge Fumasoli war ein urbaner Geist, und da «Stadtluft frei macht», ging er an die Kunstgewerbeschule in Zürich. «Ich wollte schon als Bub Künstler werden.» Seine Eltern waren nicht so begeistert von seiner «unorthodoxen Entwicklung», unterstützten ihn aber trotzdem. Selbstfindung, das trieb ihn an.

Den Globus-Krawall 1968 fand er dann grossartig. «Wir konnten alles neu erfinden, es war der Aufbruch in eine neue Zeit.» Es sei so gewesen, wie Max Frisch einst schrieb: «Wo man hinspuckt, keimt es!» Heute sei alles eine Wiederaufnahme des Alten. Das letzte Neue in Zürich sei die Techno-Bewegung gewesen, an den ersten Street-Parades, da sei er wieder aufgeblüht. Es sei der Beginn von Untergrund-Partys gewesen, eine alternativ Kultur, die bis heute Zürich bereichert.

Nachdem Fumasoli beim Schweizer Fernsehen als Cutter ausgebildet wurde, studierte er an der Filmhochschule in Berlin. Mit 27 Jahren, angekommen in einer Werbeagentur, dachte er: «Das kann es doch nicht gewesen sein!» Er brach seine Karriere ab und holte die Matura nach. Als Wahlfächer belegte er Geografie und Tektonik. Noch heute kann er genau erklären, wie sich die Erdkruste verschob und daraus Berge entstanden. Danach studierte er Jura. Brüche ­gehören zu seinem Leben. Eine Idee wächst, nimmt Form an, und dann wendet Fumasoli das Segel. «Das Studium ist wie ein Hochleistungstraining, da lernt man Disziplin und analytisches Denken.» Seine Kreativität habe sich durch das Jusstudium enorm gesteigert. Mit dem Lizenziat in der Tasche arbeitete er drei Jahre am Bezirksgericht. Er hätte Staatsanwalt werden können, stattdessen ging er zum Schweizer Fernsehen.

Beim SF arbeitete er sich vom Regieassistenten zum Creative Director hoch. Von 1990 bis 1994 überarbeitete er das komplette Erscheinungsbild des Landessenders und entwarf das Kristall- sowie das Haifisch-Signet, welche in die Fernsehgeschichte eingingen. Dann gewann er selbstständig den Wettbewerb für das Logo des neuen Senders Schweiz 4. Dafür filmte er den legendären Ballon in der Form einer Vier und kam prompt auf die Idee, die ganze Schweiz aus der Perspektive eines Vogels festzuhalten. «Anhand von Landschaft und typischer Architektur erkennt der Schweizer sein Land, dieses Wissen wollte ich mit einer neuen Sichtweise herausfordern.» So verzichtete er am Anfang bewusst auf Untertitel, mit dem Ziel, dass Herr und Frau Schweizer, welche die hiesige Landschaft lieben, vor dem Bildschirm sitzen und rätseln, wo diese nie gesehenen Schluchten und Gebirge wohl sind.

Nach 80 Stunden Material gibt es für Fumasoli immer noch Ecken, die er erforschen will. Mit seiner Spezialkamera sieht er eine so vielfältige Schweiz, dass sie ihm riesig vorkommt. «Mir gehts darum, Übergänge zu zeigen, das Zusammenspiel von Landschaft und Bauten, es ist wie eine Choreografie.» Er mache keine Dokfilme, sondern führe Menschen auf Reisen. Man soll einen Moment lang dieses Gefühl haben, welches einem manchmal im Flugzeug überwältigt, wenn man sich als Mensch klein vorkommt und die grösseren Zusammenhänge erahnt.
 
Wohin geht die Reise?

Fumasoli giesst sich wieder eine Tasse Grüntee ein. Er sitzt in seinem Garten im Kreis 5, den er liebt. Ohne Zürich wäre er wohl nicht mehr in der Schweiz. Die Stadt fasziniere ihn so sehr, dass er sie alle zwei Jahre neu filmen könnte. Das nächste Mal will er unbedingt das neue Löwenbräu-Areal festhalten. «Hochhäuser sind gut, wir müssen in die Höhe bauen, verdichten.» Seine innere Antenne sucht immer noch Neues, Fumasoli fragt sich, wohin seine Reise weitergehen wird. «Jeder Tag bringt neue Möglichkeiten.» Sein Blick auf das Leben scheint, wie in seinen Filmen, Dinge immer anders hervorzu­heben, einmal hautnah, dann wieder von ganz weit weg.
Die SWISSVIEW Blu-ray Disc «Zürich | Luzern | Innerschweiz» erscheint Ende Monat. (www.swissview.com)